Homöopathie

Der Begriff "Homöopathie" wird heute oft als Synonym für alle möglichen alternativen Heilmethoden oder Naturheilverfahren verwendet. Viele aus Pflanzen hergestellte Arzneistoffe werden inzwischen umgangssprachlich als "homöopathisch" bezeichnet. Homöopathie hat jedoch mit Naturheilverfahren nichts zu tun. Sie hat ein eigenes System, das nicht nur mit der wissenschaftlichen Medizin und wissenschaftlichen Erkenntnissen allgemein, sondern auch mit anderen "alternativen" Verfahren in Widerspruch steht.

Homöopathie ist eine umstrittene medizinische Methode, die vor ca. 200 Jahren von dem Arzt Samuel Hahnemann entwickelt wurde. Sie gehört nach dem Arzneimittelgesetz von 1976 zu den so genannten besonderen Therapierichtungen. Ihre Mittel dürfen im Gegensatz zu normalen Medikamenten ohne Wirksamkeitsnachweis, allein durch Registrierung, auf den Markt gebracht werden.

Annahmen der Homöopathie über Krankheitsursachen

Dass Krankheiten materielle Ursachen haben, hielt Hahnemann für bloße Vermutung. Insbesondere lehnte er die Existenz von infektiösen Keimen, "innerlich verborgenen, obgleich noch so fein gedachten Wesen" als Krankheitsauslöser ab (Organon §13), ja bezeichnete sie als "Unding". Vielmehr seien Krankheiten "geistartige Verstimmungen" der "Lebenskraft" bzw. des "Lebensprinzips".

Die von ihm als verstandslos bezeichnete "Lebenskraft" nehme beispielsweise ohne Bedenken die drei Miasmen (Psora, Syphilis, Sykosis) auf, was chronische Krankheiten auslösen würde. Diese Miasmen (griechisch: Verunreinigungen) galten früher als krankheitsauslösende Stoffe in der Luft oder in den Ausdünstungen des Bodens. Ziel einer Therapie müsse es sein, die "Lebenskraft" dazu zu bringen, sich von diesen Miasmen abzuwenden. Die allein so wieder hergestellte "Integrität des Lebensprinzips", nicht die Bekämpfung der Symptome, führe zur Wiederkehr der Gesundheit. Er hielt es deshalb für einen Irrtum, Mittel gegen die Krankheit zu geben (contraria contraiis), da gegen "geistartige Verstimmungen" solche Mittel nichts ausrichten. Auch wenn sie die Symptome unterdrückten, habe dies keine Wirkung auf die Krankheit, denn die "Lebenskraft" würde nach dem Absetzen des Gegenmittels aufgrund der Miasmen weiterhin die gleichen Symptome verursachen. Auch die palliative (symptomlindernde) Medizin sei lediglich in der Lage, die Symptome kurzfristig auszulöschen.

Das Simile Prinzip

Hahnemann setzte hingegen auf das Ähnlichkeitsprinzip (similia similibus curentur), wonach sich Krankheiten mit Arzneien, die beim Gesunden ähnliche Symptome erzeugen, "auslöschen" lassen. Für Hahnemann spielte es auch keine Rolle, ob die Arzneien "natürlich" oder "chemisch" waren. Nicht die Art der Arznei spiele eine Rolle, sondern ob sie dem Simile-Prinzip folge oder nicht. Um die Anwendungsbereiche homöopathischer Präparate zu erkennen, werden Versuche an Gesunden vorgenommen. Die entstehenden Symptome gäben Auskunft darüber, bei welchen Krankheiten das getestete Mittel angewandt werden soll.

Hochpotenzen

Ein weiteres Prinzip der Homöopathie ist das Potenzierungsverfahren. Durch Verdünnung der Ursubstanz sowie durch "reiben und schütteln" sollen sich laut Hahnemann die "latenten", und "wie schlafend" verborgenen "dynamischen Kräfte" entwickeln (Organon §269). Dies könne so weit gehen, dass nur eine extrem starke "geistige Kraft" übrig bleibe. Bei einer Arzneianwendung solle dann diese "künstliche" Kraft als "rechte Gabe" so gewählt werden, dass sie die "natürliche" Krankheit nur wenig an Stärke übersteigt, um den Kranken möglichst wenig zu belasten. Obwohl eine Verdünnung von D26 (entspricht 1:1026) dem Auflösen eines einzigen Tropfens in allen Weltmeeren entspricht und schon bei Verdünnungen von D23 (1:1023) in einem Medizinfläschchen kein einziges Molekül der Urtinktur mehr vorhanden sein dürfte, werden Verdünnungen von 1:1030 (D30) und mehr verwendet. Eine glaubhafte und nachprüfbare Erklärung, warum derart hohe Verdünnungen wirksam sein sollen, konnten Homöopathen bisher nicht geben. Auch empirische Versuche, die Wirksamkeit der Hochpotenzen zu belegen, waren bisher nicht überzeugend. Ein besonderes Problem liegt darin, dass die zur Potenzierung verwendeten Substanzen wie Wasser und Alkohol selbst keineswegs vollkommen rein sind. Vielmehr enthält Wasser zahlreiche Nebeninhaltsstoffe, z.B. Kalk und Eisen in Konzentrationen, deren Summe etwa D6 entspricht. Daher ist ab D7 die Urtinktur in der Minderheit gegenüber den Nebeninhaltsstoffen. Nach Meinung der Homöopathen müsste sich die Urtinktur gegenüber den Nebeninhaltsstoffen "durchsetzen" können, obwohl diese den gleichen Potenzierungsprozess durchlaufen. Ein solches "Durchsetzungsvermögen" der Urtinktur gegenüber den Nebeninhaltsstoffen ist der heutigen Physik und Chemie unbekannt.

Irrtümer aus der Gründerzeit der Homöopathie

Bis heute werden Aussagen zur Homöopathie aus der Gründerzeit wiederholt, die jeglicher Grundlage entbehren. Dazu gehören die Chinin-Versuche und die vermeintlichen Heilerfolge der Homöopathie bei Cholera.

Chinin-Versuche

Das Simile Prinzip beruht auf einer irrtümlichen Deutung durch Hahnemann. Chinin, ein Alkaloid aus der Chinarinde, wirkt fiebersenkend. Hahnemann nahm eine Überdosis Chinin und nahm aufgrund seines erhöhten Pulsschlages fälschlicherweise an, dass er "Fieber" bekommen habe. Hieraus leitete er das Simile-Prinzip ab, während tatsächlich Chinin gegen Fieber wirkt, aber nicht "homöopathisch", sondern nach dem Prinzip contraria contrariis curentur.

Vermeintliche Heilerfolge bei Cholera

Bei der Cholera-Epidemie im Jahre 1831 empfahl Hahnemann Kampfer und lehnte die Aderlässe und das Trinkverbot der damaligen "Allopathie", die nichts mit der heutigen wissenschaftlichen Medizin gemein hat, ab. Tatsächlich gab es weniger Todesfälle dadurch, dass diese unsinnigen drastischen Maßnahmen abgesetzt wurden, die selbst äußerst schädlich waren. Allerdings galt auch damals der von Hahnemann empfohlene Kampfer als "allopathisch" und passt nicht ins Simile-Prinzip. Dass die positive Wirkung bei Cholera nicht der Homöopathie zu verdanken war, zeigt folgende Beobachtung: Die damalige Behandlung durch Laien hatte noch weniger Todesfälle zur Folge als die Homöopathie. Inzwischen hat die wissenschaftliche Medizin wirksame Verfahren, gegen Cholera vorzugehen, und die homöopathische Behandlung der Cholera ist überholt.

Versuche, die Homöopathie experimentell zu belegen

Besonderes Aufsehen erregte Jacques Benveniste, der 1988 einen Nachweis für die Wirkung hoch verdünnter Mittel erbracht haben wollte. In einem Beitrag, der in der angesehenen britischen Wissenschaftszeitschrift Nature veröffentlicht wurde, gab er an, dass ein auf bis zu 1:10120 (so viele Elementarteilchen gibt es nicht einmal im ganzen Universum) verdünntes Antiserum noch immer eine Wirkung auf das Immunglobulin IgE habe, das mit weißen Blutkörperchen reagiert. Der Beitrag verursachte eine heftige Kontroverse. Homöopathen sahen sich bestätigt, Skeptiker wiesen auf diverse Fehlermöglichkeiten hin. Um die Frage zu klären, besuchte ein Untersuchungskommission von Nature das Labor von Benveniste. Die Experimente von Benveniste schlugen fehl, nachdem das Team strenge Kontrollkriterien mit doppelter Verblindung eingeführt hatte, und es gab deutliche Hinweise darauf, dass die ursprünglichen Experimente fehlerhaft waren. 1993 wiederholte eine von homöopathischen Arzneifirmen und Homöopathie-Forschungseinrichtungen finanziell unterstützte britische Untersuchung die Experimente von Benveniste. Es gab keinerlei Hinweise für die Wirksamkeit von hoch verdünnten anti-IgE-Lösungen.

2004 wurde auf Grund von Untersuchungen an der Universität Leipzig unter Leitung von Prof. Karen Nieber berichtet, der Nachweis sei erbracht, dass homöopathische flüssige Belladonnaverdünnungen, die u.a. gegen Koliken im Magen-Darm-Bereich eingesetzt werden, eine Wirkung auslösen. Es wird berichtet, Belladonna bis zur Potenzierung D100 löse bei einem in vitro - Experiment Wirkungen an einem Rattendarm aus. Ob diese Untersuchungen von unabhängiger Seite repliziert werden können und sich unser bisheriges Wissen damit als falsch erweisen, oder ob sie - wie bisher ähnliche Versuche - an der Überprüfung scheitern, wird die Zeit zeigen. Erste äußerst kritische Stimmen meldeten sich bereits 2004 zu Wort: Pseudowissenschaften an der Uni Leipzig (siehe auch Artikel im Skeptiker 3/2005). Mittlerweile wurde der Preis wieder zurückgegeben und Fehler eingestanden (siehe Webnews). Für den ersten wissenschaftlichen Nachweis der Heilwirkung hochpotenzierter Homöopathika ist ein Preis von 1 Mio $ ausgelobt worden (www.randi.org).

Auch in sauber durchgeführten klinischen Studien konnte nicht reproduzierbar nachgewiesen werden, dass homöopathische Medikamente in hohen Verdünnungen eine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirksamkeit haben. Im rennomierten Medizin-Fachjournal Lancet wurde von Shang et al. (2005) im Rahmen einer Metaanalyse festgestellt, dass es keine überzeugenden Belege dafür gibt, dass Homöopathie besser wirke als ein wirkstofffreies Scheinmedikament. Im Lancet-Editorial der gleichen Ausgabe steht:

"Surely the time has passed for selective analyses, biased reports, or further investment in research to perpetuate the homoeopathy versus allopathy debate. Now doctors need to be bold and honest with their patients about homoeopathy’s lack of bene.t, and with themselves about the failings of modern medicine to address patients’ needs for personalised care."
Auch in der November 2007 Ausgabe von THE LANCET belegt Ben Goldacre erneut die Wertlosigkeit homöopathischer Mittel. Das ist das Ergebnis von fünf ausführlichen Meta-Analysen zur Homöopathie, die sich von Atemwegsinfektionen über Operationen bis hin zur Anästhesiologie erstreckten.

Risiken der Homöopathie

In der Verwendung giftiger Substanzen in mäßiger, aber pharmazeutisch wirksamer Verdünnung liegt eines der Risiken der Homöopathie. Denn als Ursubstanz (Urtinktur) werden schädliche oder zumindest fragwürdige Ausgangsstoffe verwendet. Neben pflanzlichen Substanzen werden auch tierische Stoffe (zum Beispiel die Spinne Latrodectus mactans oder die "Schwarze Witwe" als "ganzes Tier"), Mineralien, Arsen- und Quecksilber-Verbindungen (Arsenicum Album, Mercurius Solubilis Hahnemanni) und sogar Krankheitsstoffe wie Eiter und Speichel von tollwütigen Hunden (Lyssinum Hydrophobinum), hoch-potente Umweltgifte (wie PCB oder Plutonium) sowie "Hundescheiße"(!) verwendet. Bei hoher Verdünnung haben die verwendeten Substanzen zwar weder Wirkungen noch Nebenwirkungen, doch liegt hier die Gefahr in der Überschätzung der Homöopathie. Wenn eine wissenschaftsmedizinisch notwendige Behandlung aufgrund des Vertrauens in die Homöopathie unterlassen wird, kann das zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden führen. Über solche Schäden wird selten berichtet, denn die Betroffenen scheuen meist die Öffentlichkeit, um Familienmitglieder und Freunde zu schützen oder nicht als leichtgläubig dazustehen. Negative Auswirkungen hat auch die weit verbreitete Angst vor der "schädlichen Chemie" der "schulmedizinisch" verordneten Arzneien. Sie hat einen "Nocebo-Effekt" zur Folge, der die Wirksamkeit der wissenschaftsmedizinischen Therapie erheblich mindern kann. Da von Anhängern der Homöopathie öfter behauptet wird, dass die Homöopathie ganz sanft sei, hier eine Auflistung von Wirkstoffen, die aufzeigen soll, dass in der Homöopathie verwendete Stoffe, die den Mythos der "sanften Natürlichkeit" von einer anderen Seite aus beleuchten.

Literatur:

Linktipps:

 


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